BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

Zeichen der Zeit in den Bildern Philostrat des Älteren


Bilder können eigentlich keine Zeit darstellen. Sie sind statisch und unveränderlich, während Zeit nur in Verbindung mit Veränderung und Bewegung fassbar ist. Allerdings ist bereits aus der Antike das Phänomen narrativer Bilder bekannt, die einen Handlungs- und damit auch einen Zeitablauf generieren. Die medienspezifischen Erzählmechanismen von Vasenbildern und Wandgemälden, d. h. die Technik, die Maler anwenden, um die Illusion von zeitlichen Abläufen zu erzeugen, sind in der modernen Forschung sorgfältig analysiert worden. Doch gibt es kaum Untersuchungen zu der Frage, ob und wie die Antike sich theoretisch mit dem Problem von Zeitzeichen im Bild auseinandergesetzt hat.
Die wichtigste Quelle hierfür sind die Eikones („Bilder“) des Philostrat. Hier imaginiert der auf Griechisch schreibende Autor, ein Kunstkritiker des 3. Jh. n. Chr., 65 Tafelbilder von der Art, wie sie seinen Zeitgenossen zugänglich gewesen sein dürften, um kunsttheoretische Themen zu erörtern. Dabei diskutiert er wiederholt die Frage, wie Zeit im Bild aktualisiert und rezipiert wird. Als einer der berühmtesten Rhetoriker seiner Zeit weiß er diesen Aspekt auf humorvolle und unterhaltsame Weise zu präsentieren. Was die Eikones vor anderen kunsttheoretischen Abhandlungen damals wie heute auszeichnet, ist ihre Kommunikationsstruktur: Philostrat interagiert mit seinen Rezipienten nicht aus der Perspektive des Malers oder Kunstpädagogen, sondern aus der Perspektive des – gleichwohl kunsttheoretisch gebildeten – Bildbetrachters, der nicht darüber doziert, was man auf dem Bild sehen soll, sondern vor Augen führt, was man auf dem Gemälde sieht und daraus lesen kann.
Anhand von sechs Beispielen möchte ich in meinem Vortrag die wichtigsten Zeitphänomene vorstellen, die in den Eikones zur Sprache kommen: Dazu gehören die verschiedenen Formen der „kontinuierenden Darstellung“, die im Bild der Eroten (I 5) und auf dem Bild mit dem Titel Thessalien (II 14) besonders eindrücklich behandelt werden. Der „prägnante Augenblick“ (Lessing) wird in den Komos (I 2) und Sumpf (I 9) überschriebenen Bildern thematisiert. Dass die Ausdehnung des zeitlichen Bildgeschehens in die Zukunft Spannung erzeugt, beweist Philostrat mit der Darstellung des Flussgottes Meles (II 8), während er im Bild Palaimon (II 16) die Vergangenheit an den Zeitpunkt der Bildbetrachtung anbindet.
Obgleich die Eikones sich auf antike Kunst beziehen und die Erwartungen und Sehgewohnheiten antiker Bildbetrachter spiegeln, erscheint Philostrats Analyse erstaunlich modern, empfindet man doch immer noch beim Anblick gegenständlicher Bilder die hier beschriebene medial bedingte Spannung zwischen zeitlich ausgedehntem Handlungsstrang und chronologisch fixiertem Bild, wie sie uns in den Eikones entgegentritt.


Cordula Bachmann, Dr. phil, studierte von 2004 bis 2008 griechische und lateinische Philologie, alte Geschichte, Archäologie und Philosophie (Classics) an der Universität Oxford. Ihre Dissertation schloss sie 2013 an der Ludwig-Maximilians-Universität München ab, wo sie von 2008 bis 2014 als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war. In ihrer Arbeit untersucht sie die Eikones des Älteren Philostrat (3. Jh. n. Chr.) vor allem darauf, wie die antike Ästhetik der Malerei und Rhetorik in einem zeitgenössischen Text umgesetzt wird. 2013 wurde sie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats für die Ausstellung Bauen und Zeigen der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, wo durch die Eikones inspirierte Fresken des romantischen Malers Moritz von Schwind gezeigt werden. Seit September 2014 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Erfurt tätig und arbeitet an ihrer Habilitation über historische Fragestellungen zu den Mimiamben des hellenistischen Dichters Herondas.

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