BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

Spätmittelalterliche Memoria und die Zeitlichkeit der Kunst Das Hausbuch der Mendel’schen Zwölfbrüderstiftung, Mieke Bals Kulturanalyse und Hans-Georg Gadamers Hermeneutik


Mit ihrem Begriff der Preisgabe bezeichnet Mieke Bal jenen für Kunstwerke so entscheidenden Moment, in dem der Schaffende sein Werk in die Zeit entäußert, es in die Freiheit entlässt und seine Herrschaft über es aufgibt. Erst dieser Akt ermöglicht es dem Werk mit seinen Betrachtern autonom zu interagieren, seine visuellen Bedeutungspotentiale zu entfalten und so immer wieder als absolut gegenwärtig zu erscheinen. Gegenwärtig meint hier jedoch nicht nur eine bloße, unmittelbare Präsenz, sondern zielt insbesondere auf die Fähigkeit der bildenden Kunst dem Betrachter zu vermitteln, dass das Werk ihm etwas über den Zeitenabstand hinweg zusagen hat, das für ihn gesagt wird.
Während diese Einsicht schon in der philosophischen Hermeneutik, etwa bei Hans- Georg Gadamer, in einem völlig anderen theoretischen Rahmen präzise herausgearbeitet wurde, hat Mieke Bal auf die wesentliche Rolle der vergehenden Zeit hingewiesen, die sich in die Materie, aus der die Werke geformt sind, unweigerlich einschreibt und so deren visuelle Erscheinung in einem Prozess verändert, der sich dem Einfluss des Künstlers notwendigerweise entzieht. Solche kontingenten, unerwarteten Veränderungen können, wie Bal am Beispiel Caravaggios zeigt, einerseits eine moderne Lesart eines Gemäldes, hier aus der Perspektive der Psychoanalyse, begünstigen und es so an unsere Gegenwart binden; andererseits beziehen Künstler dieses notwendig vorhandene Element der Zeitlichkeit bewusst in ihren Werkentwurf ein. Während etwa die Werke der Schweizer Dieter Roth und Daniel Spoerri – um über die Beispiele Bals hinauszugehen – mit dem Zerfall der verwendeten Materialien kalkulieren, werden die mittelalterlichen und neuzeitlichen Bildfolgen der Abtsviten des nordfranzösischen Klosters St.-Bertin oder die Porträtreihen in den Hausbüchern der Mendel’schen und Landauer’schen Zwölfbrüderstiftungen in Nürnberg nicht nur auf eine theoretisch unendliche Fortführung hin angelegt, sondern auch tatsächlich kontinuierlich über Jahrhunderte hin fortgesetzt. Als religiös motivierte Seelgerätstiftungen dienten die Nürnberger Zwölfbrüderhäuser (eine Art Altersitz für verarmte Handwerker der Stadt) der Sicherung des ewigen Gedächtnis ihrer Stifter und somit ihres Seelenheils, aber auch einer Verbesserung der ewigen Heilsaussichten der Almosenempfänger, deren Leben sich (zunächst) am Gebetsrhythmus des benachbarten Kartäuserklosters orientierte. Die Hausbücher dokumentieren den dauerhaften Erfolg der Stiftungen, den persönlichen Einsatz der Stiftungsverwalter und die Gebets- und Lebensgemeinschaft der Bewohner. Sie sind nicht bloß chronikalisches Hausbuch des Zwölfbrüderhauses, sondern konstruieren in ihren wachsenden Porträtreihen eine überzeitliche Gemeinschaft von den Anfängen der Stiftung im Spätmittelalter bis in die jeweilige Gegenwart und ihr Aufgehen in den Heiligen Gottes am Ende aller Tage. Der Beitrag möchte eine Lesart der speziellen Zeitstruktur der Nürnberger Hausbücher vor dem Hintergrund der Theorien Mieke Bals und Hans-Georg Gadamers versuchen. Dabei interessiert insbesondere die Rolle der Materialität der Handschrift(en) und ihre Performativität bei der Konstituierung einer neuen transzendenten Zeitlichkeit. Ausgehend von der detaillierten Analyse des Konzeptes der Handschriften und seiner Verschiebung im Laufe der Jahrhundert, die selbstredend auch die epochalen Veränderungen des Reformationszeitalters spiegelt, wird dem Verhältnis spätmittelalterlicher Memorial, reformatorischem Gedächtnis und der Zeitlichkeit der Kunst systematisch nachgegangen.


Dominic E. Delarue

Uni HH Logo