BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Das Problem der kontinuierenden Darstellungsweise in der römischen Flächenkunst


Die Frage der Visualisierung von Zeit im Bild ist mindestens seit Lessings Abhandlung „Laokoon“ ein vielfach erörtertes Problem in der Erforschung antiker Bildkunst. Am Beispiel der bekannten antiken Statuengruppe wirft Lessing die Frage auf, inwiefern die Bildkünste überhaupt in der Lage seien, ein zeitliches Geschehen darzustellen. So erfordere die Bildkunst eine Konzentration des Künstlers auf einen einzigen Augenblick. Dieses von Lessing entworfene Modell wurde zu Beginn des 20. Jhs. von dem Wiener Kunsthistoriker Franz Wickhoff maßgeblich erweitert. Wickhoff erkannte – wiederum vorrangig am Beispiel antiker Bildwerke – neben der von Lessing dargestellten Methode der distinguierenden Darstellungsweise die Methode einer kontinuierenden Darstellungsweise. Für diese sei die mehrfache Wiedergabe desselben Protagonisten einer Handlung charakteristisch, so dass sich aus einer Abfolge von Bildern eine kontinuierende Bilderzählung ergebe. Insofern dieses Konzept in der Antike vor allem in der römischen Flächenkunst wie z. B. an der Trajanssäule umgesetzt worden sei, sah Wickhoff hierin eine genuin römische Erfindung.
Das von Wickhoff entwickelte Modell wurde seit den 1970er Jahren seinerseits verschiedentlich kritisiert. Ausschlaggebend war dabei vor allem die Beobachtung, dass die Aneinanderreihung von Bildern desselben Protagonisten neben einer chronologischen Abfolge auch anderen Gesichtspunkten unterworfen sein kann. Exemplarisch sind in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Tonio Hölscher zur Trajanssäule zu nennen, in denen der Nachweis geführt wird, dass der Kaiser vor allem in programmatisch ausgewählten Szenen gezeigt werden sollte, die unterschiedliche Aspekte seiner Herrschaft zum Ausdruck bringen. Die chronologisch korrekte Abfolge von Bildinhalten spiele diesem Ziel gegenüber nur eine untergeordnete Rolle, wie aus zeitlich inkohärenten Szenenabfolgen mitunter klar hervorgehe.
Ausgehend von der skizzierten Problematik soll in dem geplanten Vortrag der Frage nachgegangen werden, welche unterschiedlichen Strategien zur Darstellung von Zeitlichkeit in der römischen Flächenkunst angewandt wurden. Anstelle des vielfach behandelten Beispiels der Trajanssäule und verwandter politischer Denkmäler soll dabei von der Gattung der römischen Reliefsarkophage ausgegangen werden. Diese zeigen eine große Bandbreite mythologischer sowie lebensweltlicher Bildszenen, die sehr verschiedene Strategien zur Visualisierung von Zeitlichkeit aufweisen. Unter der Prämisse, dass eine chronologisch korrekte Abfolge von Bildern einer Erzählung nicht von vornherein zu erwarten ist, soll der Frage nachgegangen werden, in welchen Fällen und zu welchem Ziel eine solche Darstellungsweise gewählt wurde. So stellt sich beispielsweise die Frage, inwiefern sich in Hinblick auf den sepulkralen Kontext der Gattung Rückschlüsse auf zeitgenössische Erfahrungen bzw. Konstruktionen von (Lebens-)Zeit im allgemeinen ziehen lassen.


Burkhard Emme

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