BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

Ästhetische Strategien der Besetzung von Stadtraum. Kinematographische Verarbeitung metropolitaner Zeiterfahrung am Beispiel des Underground-Kinos


Wir leben in einer Zeit, in der ernsthaftes Denken allenthalben mit dem Bewusstsein der Heimatlosigkeit zu kämpfen hat. Das Gefühl der Unzuverlässigkeit menschlicher Erfahrung, das ein ins Unmenschliche wachsendes Tempo geschichtlichen Wandels mit sich gebracht hat, hat bei jedem feinnervigen modernen Geist eine Übelkeit, einen intellektuellen Schwindel bewirkt. (Susan Sontag, “Der Anthropologe Als Held [1963])

“The concept of time must be changed. This will soothe the flaming creatures.“ notierte der Filmemacher Ron Rice 1964 angesichts der in diesem Jahr eskalierenden Unruhen in New York und sinnierte als Lösung über eine Verlangsamung der Medien mit stillen “time gaps.“ Den Filmemachern des so genannten Underground-Kinos im New York der 1960er Jahre diente das Medium Film als Ausdrucksmittel und Statement zugleich um ihre subjektive Erfahrung einer sich in rasantem Wandel befindlichen Umwelt zu verarbeiten und zugleich einen Gegenentwurf zu den Bildwelten des industriellen Kinos auf der einen Seite und den immer größeren Einfluss ausübenden Massenmedien auf der anderen zu formulieren. In den USA werden vor allem die 1960er Jahre von Zeitzeugen vielfach als eine Dekade beschrieben, in der nach den von erstarrten Konventionen dominierten 50er Jahren durch ein erhöhtes Tempo gesellschaftlichen Wandels Desorientierung und Entfremdung das soziale und politische Leben prägten. Das daraus resultierende spannungsreiche Verhältnis zur Stadt als alltäglichem Lebensumfeld drückte sich in besonderem Maße im Underground-Kino aus, das direkt von den jeweils vor Ort vorhandenen Ressourcen sowie Produktions- und Distributionsnetzwerken abhängig war.
Ausgehend von der Annahme, dass die Filme und die mit ihrer Herstellung und Rezeption verbundenen Praktiken einen Gegen-Raum erzeugen, der sich außerhalb der hegemonialen linearen Zeitlichkeit befindet, möchte ich in meinem Vortrag die Repräsentation eines solchen Zeit-Raumes anhand von Beispielen der Arbeit zweier für je verschiedene Tendenzen des Underground-Kinos stehenden Filmemacher, Ron Rice und Peter Emanuel Goldman, untersuchen. Die Mehrheit der Filmemacher in dieser Zeit zeigte eben nicht die vielerorts stattfindenden Protestkundgebungen sondern richtete die Kamera auf ihr alltägliches urbanes Umfeld um dessen Wahrnehmung neu zu definieren. Dies geschieht beispielsweise durch die Hinwendung zu einer ›unzeitgemäßen‹ Ästhetik wie etwa der des Stummfilms (Rice) oder durch auf eine spezifische Zeitlichkeit verweisende Sujets wie den flanierenden bzw. driftenden Protagonisten und dessen Verbindung zur Historizität der Stadt (Goldman). Aufbauend auf einer überblickshaften Skizzierung des Paradigmas der Stadtinszenierung soll die Frage nach der Funktion des Stadtbildes im Film hinsichtlich der durch diese Filme repräsentierten Zeiterfahrung betrachtet werden.


Berit Hummel studierte Psychologie an der Freien Universität Berlin sowie Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und legte einen MA (Art in Context) and der Universität der Künste Berlin ab. Seit 2012 ist sie DFG Fellow am Graduiertenkolleg ‘Die Welt in der Stadt‘ am Center for Metropolitan Studies der Technischen Universität Berlin mit einem Projekt zur Produktion von Stadtraum im Underground-Kino. Weitere Forschungsinteressen sind mediale und künstlerische Repräsentation des Urbanen, Avantgarden der Nachkriegszeit.

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