BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

Der Historiker und der Astronom: Die Mechanik der Zeit nach George Kubler


In seinem paradigmatischen Buch The Shape of Time. Remarks on the History of Things hat George Kubler 1962 eine Idee der nebeneinander verlaufenden und sich verzweigenden Fasern der Zeit vorgestellt. Innerhalb dieser Parallelisierung unterschiedlicher Zeitschienen, in denen die Autorität eines Ereignisses automatisch relativiert wird, zeichnet sich die Präsenz der Artefakte im historischen Geschehen durch eine besondere Art von beredsamen Beharrlichkeit des Dauerns aus. Diese natürliche, das Empfinden der Gegenwärtigkeit bestimmende gegenseitige Verspätung zwischen Ereignis und Ding kann nie aufgehoben werden – sie wird durch nachträgliche Erzählung lediglich verstärkt, insbesondere in politischen und historiografischen Einrahmungen der Zeitlichkeit, welche diese Relation umzukehren versuchen. Um den Grund für diesen Verschiebungseffekt im Schein der Gleichzeitigkeit zu erfassen, ruft Kubler als Historiker den astronomischen Beobachtungsmodus hervor. Er bringt in seinem Buch an mehreren Stellen die Zeit der Dinge mit der längsten messbaren Zeit – der der Sterne – zusammen, um den ‚zeichnerischen‘ Sinn der permanenten gegenseitigen Nachträglichkeit zwischen Formen und Ereignissen zu begründen: „Like the astronomer, the historian is engaged upon the portrayal of time.“ Das Kunstwerk erscheint in diesem Rahmen als “a graph of an activity now stilled, but a graph made visible like an astronomical body, by a light that originated with the activity.”
Diese genealogische Relativierung der Formen als Zeitmarker, die in der Rezeption von Kublers Schriften lediglich marginal als eine poetische Metapher betrachtet wurde, wird im Vortrag als ein möglicher Wegweiser für poststrukturalistische Untersuchungen der phänomenalen Dimension von Historizität dargestellt. Der ‚astronomische Blick‘ läßt sowohl den Schwellenrahmen des referenziellen Historismus, als auch den transzendentalen Begriff der Kontinuität (Johann Gustav Droysen, Wilhelm Dilthey) im kunsthistorischen Kontext der ausgedehnten Historizitäten der ansehbaren Dinge kritisch betrachten. Die Überlappung von diversen Zeitlichkeiten im Sichtbaren animiert insbesondere in zeigenden, ikonischen oder aikonischen Bildern eine Vielfalt der Modi von Zeitgenossenschaft und erlaubt somit, die Vergangenheit im Sinne eines Nachlebens im Präsens symptomatisch zu bestimmen (vgl. Georges Didi-Huberman). Diese jeweilige Aktualität des Anachronismus als Eigenschaft der Bilder kann nie durch eine Historiografie erfasst werden, die auf Entwicklungen und Niedergänge setzt, insbesondere wenn sie autoritäre Erfüllungen und Kulminationen als Axiomata ihrer Sinnentfaltung betrachtet. In diesem Kontext kann auch Kublers aktuelle Positionierung in der Kunstgeschichte aus einem anderen Blickwinkel angesehen werden, indem er dank seiner Langstreckenperspektive von einem Propheten der neuen Kulturtheorie der Dinge zu einem Uhrmacher der sichtbaren Formen wird.


Dr. Mateusz Kapustka, Universität Zürich. Website: http://www.khist.uzh.ch/chairs/neuzeit/assist/kapustka.html

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