BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

Das Erdächtnis – Bildspeicher der Zukunft


In meinem Vortrag möchte ich das jüngst von Andreas Hartmann und mir entworfene und in die Wissenschaft eingeführte Konzept des Erdächtnisses vorstellen (Hartmann/Murawska, 2015). Dieser Begriff beschreibt die Gesamtheit der Wissens- und Bewusstseinsinhalte, die einem Menschen oder einem Kollektiv im Hinblick auf die Zukunft zur Verfügung stehen. Darüber hinaus bezeichnet er auch den Speicher, in dem das Zukunftswissen aufbewahrt wird. Wenn es um die Vergangenheit geht, so bestehen in der Wissenschaft differenzierte und etablierte Konzepte des individuellen, kommunikativen und kulturellen Gedächtnisses. Das Erdächtnis bildet dazu einen auf die Zukunft bezogenen Komplementärbegriff.
Inwiefern ist das Erdächtnis für das Tagungsthema interessant? Sowohl das Gedächtnis als auch das Erdächtnis haben eine bildhafte Dimension, und das Nachdenken über Zeit lässt sich überhaupt erst mithilfe von Bildern bewerkstelligen. In der Regel werden Zeitmodi als Räume bzw. Orte gedacht – die Vergangenheit liegt »hinten«, die Zukunft »vorne«, es ist die Rede von Erfahrungsräumen und Erwartungshorizonten (vgl. Koselleck, 1989:355), es gibt nah- und fernliegende Zeiträume. Wir stellen uns ferner das kulturelle Gedächtnis oder eben Erdächtnis als gigantische Speicherorte vor, repräsentativ sind hierfür Bilder von Archiven wie dem Barbarastollen, von Festplatten oder vom menschlichen Gehirn. Die Zugriffe auf Vergangenes und Erwartbares, die Denkoperationen der Erinnerung und der Erwartung bedeuten zudem eine Aktivierung von Bildern. In der Erinnerung entstehen die Bilder der Vergangenheit, in den Erwartungen entstehen die Bilder der Zukunft. Um das Erdächtnis mit Inhalten zu füllen, d.h. die Zukunft zu »defuturisieren« (Luhmann, 1990:130), wird auf schon bestehende Bildformen zurückgegriffen, aus denen so völlig neue Bilder kreiert werden – die Bilder (von) der Zukunft.
In meinem Vortrag wird ein Konzept vorgestellt werden, das uns analog zum kollektiven Gedächtnis ermöglicht, sinnvoll und systematisch über Zukunft nachzudenken. Ferner werden Überlegungen zu der kulturellen Beschaffenheit und der Logik des Zukünftigen präsentiert.


Oliwia Murawska ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster tätig. Nach dem Studium der Volkskunde, Wirtschaftspolitik und Anglistik wurde sie 2014 in der Volkskunde promoviert, ihre Dissertationsschrift mit dem Titel »Die Familienwerft. Strukturen, Traditionen, Nachfolge« erschien im Mai dieses Jahres im Waxmann Verlag. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören neben der Ökonomischen Anthropologie und der Unternehmenskulturforschung auch Überlieferungsprozesse, Zeitkonzepte, Erinnerungskulturen, Heimat- und Landschaftskonzepte sowie Mensch-Tier bzw. Mensch-Natur-Beziehungen.

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