BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

καιρός und χρόνος – Antike Zeitkonzepte in personifizierter Darstellung


Die Wahrnehmung von Zeit kann für den Menschen zunächst nur eine sehr individuelle Erfahrung sein. Ob es nun das Vergehen von Stunden – eine relativ unkonkrete Zeiterfahrung – angeht oder das zeitliche Durchschreiten von Tagen und Nächten, Jahreszeiten und Jahren, der Mensch erkennt, meist zunächst die zyklischen, dann weitere Eigenschaften der Zeit und erlebt durch die biologischen Qualitäten des eigenen Körpers in Form des Alterns eine zudem darüber hinausgehende Qualität des Zeitfortschreitens, die relative und absolute Zeitaspekte in sich vereint. Stärker wird dies zudem durch die sichtbare Umwelt – etwa durch Nutztiere auf dem Hof und auch durch Mitmenschen im Sozialverband – wahrnehmbar gemacht.
Aus diesen Zeitwahrnehmungen des Menschen entstehen Zeitkonzepte von Kulturkreisen, welche die kulturelle Aneignung der individuellen und trans- bzw. interindividuellen Erfahrungen darstellt. Dabei sind neben den Ansprachen und Benennungen der Zeitpähnomene wie 'Tag' und 'Nacht', 'Jahreszeit' und 'Jahr' auch andere ordnende Vereinnahmungsprozesse von Bedeutung: Das Erkennen, das Verstehen und schließlich das systematische Einordnen von Zeit bringt auch eine sozio-kulturelle Organisation von Zeit und damit eine komplexe Konzeptionalisierung mit sich. Bekanntermaßen ist in der Mythen- und religionswissenschaftlichen Forschung ein Ansatz, dass die grundlegende Stufe der Errichtung einer transzendalen Ordnungsebene der Einordnung von Umgebungsphänomenen dient, die sich einer unmittelbareren Erklärung entziehen. So stellt sich auch bei der Zeit die Frage, ob eine entsprechende kulturelle Umsetzung der „Zeichen der Welt“ in (visuelle) Semensträger in der klassischen Antike erfolgt ist oder sein könnte:
Lässt sich bei der Personifizierung von Zeitkonzepten – wie es uns u. a. in Form von καιρός, dem günstigen Augenblick, oder χρόνος, der Zeit an sich, vorliegt – ähnliche Prozesse vermuten, wie sie für den blitzeschleudernden Zeus angenommen werden können? Welche Konzeptionen liegen zeitlichen Personifikationen zu Grunde? Wie wird Zeit oder werden Zeitkonzepte visualisiert? Welche künstlerischen Aspekte lassen sich erkennen, etwa beim Lysippschen Kairos-Denkmal? Welche Aspekte von Zeit werden dabei betont, welche vernachlässigt? Und vor allem: Welche Rückschlüsse lassen sich von der Personifikation auf die kulturellen Deutungs- und Konzeptionalisierungsprozesse treffen? Welche Interdependenzen von Zeit, Zeitkonzept und Zeitbild lassen sich erkennen – und wie deuten?


Ulfert Oldewurtel, M.A. ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Archäologischen Institut der Universität Hamburg. Seinen Magisterabschluss in Klassischer Archäologie sowie Neuerer und Neuster Geschichte erwarb er an der Humboldt-Universität zu Berlin. Vor seiner jetzigen Anstellung war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Winckelmann-Institut für Klassische Archäologie und zuvor als Persönlicher Referent des Vizepräsidenten für Studium und Internationales der Humboldt-Universität zu Berlin tätig.
Sein momentanes Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Visualität des urbanen Raumes in der Stadt der römischen Kaiserzeit. Zwei aktuell in Vorbereitung befindliche Publikationen sind Aufsätze zu den Cancelleria-Reliefs und zu Gipsabguss-Sammlungen in der universitären Lehre und Forschung. Website: https://www.kultur.uni-hamburg.de/ka/personen/oldewurtel.html

Uni HH Logo