BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

Nebel, Wolken, Geister – Instabile Zeit-Bilder in der Fotografie


Inmitten unserer digitalen Bildkultur werden unheimliche Zeichen sichtbar. Kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2011 kursiert im Internet ein Bild von den Rauchschwaden des brennenden World Trade Centers. Aufgeregte Kommentatoren glauben in der dunklen, unscharfen Pixelstruktur des Bildes die Fratze des Teufels zu erkennen.
So rational und automatisch die Fotografie seit ihren Anfängen ein objektives Bild der Welt ohne Eingriff durch die menschliche Hand verspricht, so unklar und unheimlich bleibt der ontologische Status der fotografischen Realität.
Schon in den Fotografien von Louis Daguerre und Eugène Atget verschwinden die Menschen oder werden aufgrund der langen Belichtungszeiten zu halbtransparenten Phantomen. Statt einer ontologisch stabilen Wirklichkeit zeigt die Fotografie hier geisterhafte Spuren (Janis, 1989). Indexikalität ist die zeitliche Zeichenlogik (Doane, 2002) der Fotografie. Indexikalität ist in der analogen wie in der digitalen Fotografie ein zeitlicher und tendenziell instabiler materieller Bezug zur Wirklichkeit. Im analogen Zeitalter bestand sie in der wolkigen Formation von Silbersalzen in der Fotoemulsion. Im digitalen Zeitalter liegt sie in quantenmechanischen Unschärferelationen innerhalb des CCD-Chips (Hagen, 2002). Um zu entscheiden, ob es sich bei dem, was auf dem Foto erscheint, um „Noise or Nature“ (Geimer, 2000) handelt, werden Semiotisierungsprozesse notwendig, die den automatischen Einschreibungen der Wirklichkeit keine stabile Zuschreibung von Bedeutung garantieren.
Die Geisterfotografie (Stiegler, 2001; Krauss, 1992) macht von der Unschärfe ästhetischen Gebrauch, der mit der Ambivalenz von Wirklichkeit und Täuschung spielt (Gunning, 2004). Zum anderen bekommt die Unschärfe in der Geisterfotografie die ontologisierende Funktion. Was die Fotografie sichtbar macht, ist entweder eine natürliche aber unsichtbare Wirklichkeit (Fotografie energetischer Fluida) oder eine übernatürliche Existenz (mediumistische Fotografie) (Chéroux, 2004).
Ausgehend von der Recherchearbeit zu meinem Dissertationsprojekt: „Blurring – Technik und Ästhetik des instabilen Bildes“ möchte ich in meinem Beitrag versuchen, instabile Bildphänomene innerhalb fotografischer Diskurse aus einer medientheoretischen Perspektive zu beschreiben und die daraus resultierenden bildästhetischen und bildontologischen Fragestellungen auf zeitphilosophische Konzepte von Henri Bergson und Alfred North Whitehead zu beziehen.


Nicolas Oxen (M.A) arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Philosophie audiovisueller Medien (Prof. Dr. Christiane Voss) an der Bauhaus-Universität Weimar. Er studierte Medienwissenschaft an der Bauhaus-Universität Weimar und der Université Lumière Lyon 2. Sein Dissertationsprojekt „Blurring – Technik und Ästhetik des instabilen Bildes“ untersucht die Rolle des unscharfen und gestörten Bildes in der Entwicklung technischer Zeit-Bilder und versucht mit Bezug auf Zeit- und Prozessphilosophien eine eigene temporale Ästhetik des technischen Bildes zu entwickeln.

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