BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

Heterochrone Räume. Zeitkonstruktionen durch Raum und Bild am Beispiel der Kaiserthermen Roms


In jeder Kultur gibt es Räume, die sich außerhalb des herrschenden Diskurses bewegen – Räume die eine Eigenlogik besitzen. Dass der Raum nicht unabhängig von der Zeit gedacht werden kann ist dabei seit der Relativitätstheorie in aller Munde und bereits in einer dialektischen und relationalen Konzeption von Raum und Zeit bei Leibniz zu finden. Mein Anliegen ist es jedoch aufzuzeigen, dass unser subjektives Empfinden von Zeit nicht nur in Abhängigkeit von der Bewegung im Raum gedacht werden kann, sondern der atmosphärische Raum einen weitaus größeren Einfluss auf unsere Vorstellungen von Zeit hat, als gemeinhin angenommen wird. Die mediale Zeitrepräsentation im Raum beeinflusst uns in dieser Hinsicht auf besondere Art und Weise. Es ist die von den Bildern im Raum ausgehende Atmosphäre, die den linearen Zeitpfeil durchbricht. Die Zeit wird anschaubar. Doch nicht nur das was wir sehen ist von Bedeutung, sondern es ist die Totalität unserer Sinnesempfindungen, die hier berücksichtigt werden muss.
Die römischen Kaiserthermen stellen nun den Versuch dar, einen Ort des Verweilens inmitten des Zeitflusses zu schaffen. Ihre skulpturale Fülle und das in ihr gelebte Ideal von otium lassen die Thermen erscheinen als realisierte Utopien. Die Bilder wiederum erzeugen in ihrem relationalen Gefüge eine Atmosphäre der Heroen und Götter, wodurch der Thermenraum selbst zum Topos wird. Er verweist auf die aetas aurea und ihre spezifische Qualität der Zeitordnung und Zeitwahrnehmung. Die Wahrnehmung des Besuchers richtet sich so schließlich nicht länger auf die raum-zeitlichen Dimensionen des Aktionsraumes, sondern primär auf die durch die Bilderwelt in diesem Raum erhaltenen Erinnerungsräume einer allgemeinen Vergangenheit. Die Vergegenwärtigung dieser und ihr Ausgreifen in Form rundplastischer mythologischer Gestalten lassen den Betrachter teils an zentraler Stelle regelrecht am Mythos teilhaben. Mythos und Lebenswelt verschwimmen, Bildwahrnehmung und Wirklichkeitswahrnehmung verschmelzen, sodass sich schließlich das Selbst der zeitlichen Illusion hingibt und an einem längst vergangenen Ort wiederfindet. Dies charakterisiert die Heterotopie: eigentlich unvereinbare Orte an einem einzigen Ort zu verbinden.


Lukas Rathjen studierte von 2012 bis 2015 an der Universität Hamburg Klassische Archäologie und Geschichte. Er schloss seinen Bachelor mit einer Arbeit zum Thema Aidos, Geschlechterdiskurse in der Spätklassik und die Aphrodite von Knidos ab. Derzeit studiert er an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Interdisziplinäre Anthropologie im Master. Seit 2015 ist er Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Seine Forschungsinteressen sind vor allem die Geschlechterforschung und Körpergeschichte antiker Kulturen sowie die Stadt- und Raumsoziologie.

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