BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

Körper – Bild – Zeit. Medizinische Bildgebung aus bildwissenschaftlicher Perspektive


Die medizinische Bildgebung ist in enger Weise mit Konzepten der Zeit und des menschlichen Körpers verknüpft. Röntgentechnik sowie Computer- und Magnetresonanztomografie dienen der Verbildlichung des Körperinneren in vivo. Die daraus hervorgehenden Momentaufnahmen repräsentieren aus radiologischer Sicht den aktuellen Zustand des jeweiligen Patientenkörpers – die Gegenwart. Doch während der Betrachtung (radiologisch: Befundung) sind es Bilder eines vergangenen Zeitpunkts, eingebunden in das Konzept einer Lebenszeit, die stetig voranschreitet. Trotz ihrer Sichtbarmachung einer (körperlichen) Vergangenheit dienen die Bilder der Beurteilung einer gegenwärtigen Situation (Diagnose) sowie einer möglichen Zukunft (Prognose) des verbildlichten Körpers.
Die verschiedenen Ebenen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spielen auch für die Bildinhalte eine besondere Rolle. Die Mediziner/innen beschäftigen sich mit ‚Zeitzeichen‘ in den Aufnahmen selbst. Einerseits finden sich Bildphänomene, die als Residuen schon vergangener Krankheiten gedeutet werden. Eine Beurteilung derselben für Gegenwart oder Zukunft des jeweiligen Körpers ist dabei diagnostisch schwierig. Andererseits werden die Bildbetrachter/innen mit sogenannten Artefakten konfrontiert: Bildfehlern, die u. a. aufgrund von Körperbewegungen wie Atmung oder Blutfluss entstehen und bei der Lebendigkeit des Körpers nicht zu vermeiden sind. Sowohl die Zeichen der Vergangenheit des Körpers als auch seine gegenwärtige Lebendigkeit bereiten der radiologischen Bildinterpretation und Diagnose Probleme.
Die Reflexion dieser Probleme führt die Radiologie, ihre Lehre und Forschung, zur Bildbetrachtung und zum Bildumgang. Aus bildwissenschaftlicher Perspektive ist bemerkenswert, dass sich die Radiologie dem menschlichen Körper immer über das ‚Bild‘ nähert, diesen also nie ‚unvermittelt‘ wahrnimmt. Die Forderung in der radiologischen Fachliteratur lautet, sich für die Bildbetrachtung und -befundung ‚Zeit zu nehmen‘ – fast scheinen sie zu fordern, vor den Bildern zu ‚verweilen‘. Bildwissenschaftlichen Ansätzen ist dieser Anspruch bekannt1, insofern sie die Beziehungen von Produzent, Rezipient und Bild berücksichtigen, die bei einer Untersuchung radiologischer Bildgebung um den Anspruch des Referenten ‚menschlicher Körper‘ erweitert werden muss.
Im Vortrag wird aus bildwissenschaftlicher Perspektive die Crux der radiologischen Bildgebung anhand der Röntgentechnik und Computertomografie vorgestellt: Der radiologischen Reflexion fehlen eine Separierung der verschiedenen Zeitlichkeiten von Körper und Bild sowie eine ausreichende Berücksichtigung des Bildmdediums an sich.


Sarah Sandfort: seit 2014 Assistenz der Geschäftsführung (WHK) am Kunstgeschichtlichen Institut der Ruhr-Universität Bochum (RUB), 2010–2013 Promotionsstipendium des Cusanuswerks (Bischöfliche Studienstiftung), seit 2009 Promotion am Kunstgeschichtlichen Institut der RUB, Thema: „Bilder ohne Bildlichkeit? Computer- und Magnetresonanztomografie in der Radiologie“ (Kunst- und bildwissenschaftliche Analyse), seit 2009 Freie Mitarbeiterin der Bildung und Vermittlung, Museum Folkwang, Essen, 2005–2009 Masterstudium der Kunstgeschichte und Philosophie an der RUB, 2002–2005 Bachelorstudium der Kunstgeschichte und Philosophie an der RUB

Publikationen
- vorauss. 2016: Konstruktion der Wirklichkeit. ‚Digitale Bilder‘ in der Radiologie, in: Fotogeschichte. Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie
- 2013: Bildverarbeitung in der Medizin. Ästhetische Aspekte in der Tomographie, in: Ernst Seidl et al. (Hg.): Wie Schönes Wissen schafft, Katalog, Museum der Universität Tübingen (MUT), Tübingen, S. 228–234.
- 2012: zus. mit Richard Hoppe-Sailer, Rainer-M.E. Jacobi: Image – Body – Knowledge. An interdisciplinary and critical appraisal of images, in: Heiner Fangerau et al. (Hg.): Medical Imaging and Philosophy. Challenges, reflections and actions, Stuttgart, S. 152–161.

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