BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

Quantitative Zudringlichkeit oder qualitative Selbstvergessenheit? Über missionarische Versuche Zeitkonzepte transkulturell zu übersetzen


Christliche Missionare im südlichen Afrika haben keine Zeit zu verlieren. Sie müssen zeitig aufstehen, weil das Klima ihnen tagsüber zusetzt. Sie müssen in kurzer Zeit sehr viel leisten, um ihr Ziel, die Christianisierung ganzer Bevölkerungsgruppen, erreichen zu können. So installieren sie Turmuhren und bauen Glockentürme. Sie argumentieren heilsgeschichtlich. Sie predigen vom Paradies und vom Jüngsten Gericht. Auf afrikanischer Seite braucht man eigentlich weder Uhren noch Glocken. Man trifft sich, wenn die Zeit reif ist. Das Ahnenreich ist kein Zukunfts- und Heilsort. Das Jenseits ist eine synchrone Wirklichkeit.
Obwohl beide Akteursgemeinschaften unterschiedliche Zeitzeichen verwenden und anderen Zeitauffassungen anhängen, beginnen sie miteinander zu kommunizieren, zu transferieren, wechselseitig anzueignen und kulturell zu übersetzen. Dabei wird zweifelsohne auch über Zeit geredet. Zeitkonzeptionen werden transferiert, angeeignet und kulturell übersetzt. Aber: Welche Zeitkonzeption erringt die Bedeutungshoheit? Entsteht gar eine neue, eine afrikanisch-christliche Zeitkonzeption?
In meinem Vortrag möchte ich anhand von Beispielen aus der Missionsforschung (u. a. mittels Missionsfotografien) zeigen, wie christliche Missionare mit afrikanischen Akteuren um ein Verständnis ihrer Zeitzeichen und Zeitkonzeptionen streiten. Die afrikanischen Gemeinschaften verfügen ihrerseits auch über Konzeptionen von Zeit und eigene Zeichen ihrer Repräsentation. Im wechselseitigen Austausch der beiden Akteursgruppen spielen mythische, religiöse, sprachliche, künstlerische und wissenschaftliche Repräsentationen von Zeit die entscheidenden Rollen. Allein es bleibt die Immaterialität der Anschauung von Zeit bestehen. Umso wichtiger sind Materialisierungen von Zeit, die im Diskurs Zeit als Tatsache erzeugen sollen. Um mittels dieser neuen Tatsachen zu einem gemeinsamen Zeitkonzept zu gelangen, müssen sich die Akteure aber zuerst ihrer eigenen Konzeptionierungen, ihrer schöpferischen Gestaltungskraft von Zeitzeichen und ihrer semiologischen Repräsentationspraxis gewahr werden.


Philipp Seitz hat an der Universität Leipzig Kulturwissenschaften, Journalistik und Kultur und Geschichte in Afrika studiert. Seit 2011 promoviert er über Ernst Cassirers Kulturbegriff und eine mögliche Operationalisierung desselben für die empirischen Kulturwissenschaften am Philosophischen Seminar der Bergischen Universität Wuppertal bei Prof. Dr. Gerald Hartung. Von 2011 bis 2014 war Philipp Seitz Stipendiat der Bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk. Seit 2012 ist er Lehrbeauftragter an den Instituten für Kulturwissenschaften und für Afrikanistik der Universität Leipzig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Kulturphilosophie und -theorie, in der Sprach- und Sozialphilosophie, in der philosophischen Anthropologie und in der interkulturellen Philosophie. Seine Dissertation wird er im ersten Halbjahr 2016 abschließen. Website: http://www.sozphil.uni-leipzig.de/cm/kuwi/mitarbeiter/philipp-seitz/

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