BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

Atmen in und vor Bildern – Rhythmus und Zeit in der abstrakten Moderne


Die Bestimmung von Zeit im Bild wird zumeist im Rekurs auf narrative Strategien im Hinblick auf die bildimmanente Zeit verhandelt. Auf ganz andere Weise muss über Zeitlichkeit nachgedacht werden, wenn weder Personal noch Handlungen Hinweise auf einen Zeitverlauf geben. Ansatzpunkte, Zeit im ungegenständlichen Bild zu bestimmen, kulminieren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts insbesondere im Rhythmischen. Rhythmus als ‚zeitgliederndes Phänomen‘ (Panofsky) nimmt in den kunsttheoretischen Überlegungen der Epoche, z.B. bei Paul Klee und Wassily Kandinsky, eine zentrale Rolle ein.
Eine in diesem Kontext bisher nicht tiefer untersuchte Metapher und Praxis ist die des Atmens in und vor Bildern, die auch bei Johannes Itten, František Kupka und Mark Tobey sowohl auf die Bildrezeption als auch auf die Bildproduktion übertragen wurden. Atem als ein rhythmisches Phänomen der Hebung und Senkung wird hier erstens auf die Komposition, d.h. den Rhythmus im Bild, bezogen, zweitens auf die rhythmische Arbeit am Bild durch den Künstler und drittens auf die Rezeption des Bildes in der Zeit durch den Betrachter.
Das Atmen steht in direkter Verbindung zum lebensreformerischen Anspruch der Re-Rhythmisierung, Lockerung und Vergeistigung des Individuums und der Gesellschaft. Damit wird eine Alternative zu der Zeitordnung, ‚Atemlosigkeit‘ und zum einengenden Metrum der Industrialisierung und zum damit verbundenen Materialismus angestrebt. Dem entgegengesetzt wird eine Individualisierung und Lockerung im Rhythmischen, das sich durch das Bild als gesunder Biorhythmus auf den Betrachter übertragen soll.
In diesem Vortrag wird die Atemrhythmik vor und in Bildern anhand einer Auswahl an Künstlerpositionen als historisches Konzept herausgearbeitet, das die Beschreibung verschiedener Zeitdimensionen des Bildes ermöglicht. Ihr Potential liegt darin, unterschiedliche Zeitebenen miteinander zu verbinden. Produktions-, Bild- und Rezeptionszeit werden in diesem Modell zusammengedacht.


Linn Burchert, M.A. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Ihr Dissertationsprojekt trägt den Titel „Das Bild als Ökosystem. Biometeorologie und Klimatologie als Modelle in der abstrakten Moderne“. Sie erlangte 2012 ihren Bachelorabschluss in den Fächern Kulturwissenschaft und Anglistik/ Amerikanistik an der Universität Potsdam. 2014 schloss sie dort ihr Masterstudium der Vergleichenden Literatur- und Kunstwissenschaft ab.

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