BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

Phänosemiotische Zeitlichkeit. Zur temporalen Synchronisation mit interaktiven Mediensystemen


Innerhalb jüngerer temporalphilosophischer Zugriffe auf Mediensysteme zeigt sich eine bewusste Akzentuierung der Analyse von bewusstseinsfundierenden Zeitprozessen, in welchen sich Inhalte eines gegenwärtigen Wahrnehmungsprozesses und Ereignishorizonts manifestieren und stabilisieren. In dieser Perspektive wird Temporalität als Dynamisierung begriffen, welche einen intersystemischen Zusammenhang von Protention (Erwartungsinhalte), Retention (erinnernde Vergegenwärtigung) und Impression innerhalb der aktuellen Rezeption herstellt.
In dieser trichotomen Dynamik deuten sich bereits zwei differente Variablen bei subjektiven Verstehensprozessen an: die Materialität der Impression sowie Immaterialität der Kognition. Das konkrete Jetzt innerhalb der Rezeption wird geprägt durch die Materialität medialer Impulse, die verschiedene Materialitätsgrade aufweisen können (Ton, Musik, Schrift, Sprache, statisches Bild, Bewegtbild, Interaktives Bild, Simulationsbild etc.), und formt dann grundsätzlich ein dynamisches und kognitives Relationsnetzwerk mit Protention und Retention. Je komplexer die medialen Inputs das sensorische System des Rezipienten adressieren, desto ausgeprägter die kognitive Resonanz innerhalb der subjektiven Erfahrungswirklichkeit des perzeptuellen Systems. Medien induzieren innerhalb der Jetzt-Rezeption unterschiedlich ausgeprägte Gradstufen von Zeitvolumina (temporale Dichte), d. h. die Materialität eines Buches generiert im sensorischen System des Rezipienten ein geringeres Zeitvolumen, ein interaktives Computerspiel wie GTA5 oder ein Mediensystem wie Aireal (Disney Research) hingegen ein ausgeprägtes Zeitvolumen innerhalb sensorischer Inputs. Der Begriff des Zeitvolumens soll eingeführt werden, um konkret die zeitliche Dichte/Volumen der zu verarbeitenden medial-materiellen Inputs innerhalb des sensorischen Systems auf das perzeptuelle Zeit- und Erfahrungsbewusstsein des Rezipienten beziehen zu können.
Gefordert ist demnach ein Systematisierungsansatz durch den Medialität, Rezeption, Sinnlichkeit und Erfahrungswirklichkeit in dem Maße erfasst werden können, dass Aussagen über das Verhältnis von Materialität der Impression und Immaterialität der Kognition möglich werden. Die phänosemiotische Systematik erfasst dabei die etablierte Zeichenrelation (s) aus Representamen (rep), Objekt (o) und Interpretant/Mind (i) und erweitert diese um die notwendige Körper-Geist-Dynamik von komplexen sowie interaktiven Mediensystemen (speed = sp, range = ra, mapping =ma, breath =b, depth = d) innerhalb sensorischer (s) und perzeptiver (p) Wahrnehmung. Die resultierende phänosemiotische Zeichenrelation verdeutlicht dann in aller Konsequenz, wie Mediensysteme verschiedene Gradstufen von Zeitvolumen ausbilden und damit die Komplexität der Rezeption beeinflussen: ps = r1 [rep Λ o = int (r2 (sp, ra, ma)) Λ i (r2 (s, p)) = v (r2 (b, d))]. Die Erläuterung der Phänosemiose in materieller und immaterieller Perspektive, samt der der verschiedenen Subebenen, steht im Vordergrund des Vortrags.


Lars Christian Grabbe, Dr. phil., Studium der Philosophie, Soziologie und Neuen Deutschen Literaturwissenschaft und Medienwissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). 2011 promovierte er an der Technischen Universität Chemnitz zum Thema Georg Simmels Objektwelt. Verstehensmodelle zwischen Geschichtsphilosophie und Ästhetik. Seit 2010 ist er Lehrbeauftragter für „Theorie und Geschichte symbolischer Formen“ am Instituts für Kunst-, Design- und Medienwissenschaften (IKDM) der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel. Oktober 2011 bis März 2012 Freisemestervertretung von Prof. Dr. Norbert M. Schmitz am Fachbereich Ästhetik der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. Von April 2013 bis Februar 2014 als Publizist und Wissenschaftsreferent in Kiel tätig. Im März 2014 Wechsel an den Fachbereich Design der Fachhochschule Münster als Dozent für Medientheorie- und Kommunikation. Seit September 2014 Vertretungsprofessor für Theorie der Wahrnehmung, Medien und Kommunikation am Fachbereich Design der Fachhochschule Münster. Er ist Mitherausgeber des Yearbook of Moving Image Studies (YoMIS) und der Buchreihe „Bewegtbilder“ im Büchner-Verlag, Gründungsmitglied des Bildwissenschaftlichen Kolloquiums an der CAU zu Kiel sowie der Forschungsgruppe Bewegtbildwissenschaft Kiel (FBK), Mitglied des DFG-Netzwerks »Bildphilosophie« und wissenschaftlicher Beirat sowie erweitertes Vorstandsmitglied der Gesellschaft für interdisziplinäre Bildwissenschaft e. V. Mitglied des Networks: Media Anthropology, der Plattform für immersive Medien, der International Society for Intermedial Studies und der European Society for Aesthetics.

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