BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

Recht auf Zeit. Synthurbanismus und Politiken der Zeit in der jugoslawischen Selbstverwaltung


Architektur ist die Organisation von Raum. Und Zeit.
In einem Zugriff auf die Geschichte der Architektur als Geschichte eines Was wäre wenn anstatt eines Was war, einer Geschichte der Möglichkeiten und Ideen anstatt einer der Fakten und Formen, wird dieser Vortrag untersuchen, wie Begriffe von Zeit in der Architektur als politische Kategorie und Werkzeug des Design verstanden werden können.
Insbesondere wird der Synthurbanismus oder synthetische Urbanismus in den Blick genommen, ein radikales unverwirklichtes Projekt und eine Theorie der selbstverwalteten Stadt, die 1964 von dem jugoslawischen Architekten Vjenceslav Richter entwickelt wurde. Der Synthurbanismus entwickelte sich im spezifischen Kontext des Kalten Krieges und der jugoslawischen Selbstverwaltung als ein historisches Projekt der Autonomie des Arbeiters; ein dezentralisiertes ökonomisches und politisches Modell, das zwischen Plan- und freier Marktwirtschaft positioniert war. Ausgehend von der Alltäglichkeit von Raum und Zeit, in der sich das Leben abspielt, ging es diesem Projekt darum, durch eine Kompression des Raumes die Zeit auszudehnen. Das Recht auf Zeit als ein politisches Recht der neuen städtischen Bewohner der selbstverwalteten Gesellschaft verstehend, kann derSynthurbanismus als ein Experiment der kollektiven Selbstverwaltung aufgrund der Prinzipien des Zeitmanagements verstanden werden.
In visueller Hinsicht beabsichtigte das Projekt eine neue Technik der architektonischen Repräsentation: die simultane Perspektive. Indem verschiedene Fragmente einer einzelnen räumlichen Einheit mit ihren eigenen Fluchtpunkten gezeigt werden, könnte die simultane Perspektive durch die symbolische Form analysiert werden, einer Methode, die den Raum verzeitlicht und die Zeit verräumlicht; eine Form des visuellen Gesprächs über die jugoslawische sozialistische Moderne.
Ferner kann gefragt werden, ob es ein spezifisches Verständnis von Zeit im Sozialismus gibt, oder insbesondere, ob es ein spezifisches Verständnis von Zeit im Rahmen der Selbstverwaltung gibt. Welche Rolle spielt die räumliche Planung in der Strukturierung in der Außer- oder Inkraftsetzung des Rechts auf Zeit? Und schlussendlich: Warum müssen wir über diese Fragen heute erneut nachdenken?


Marija Marić ist Architektin und Forscherin in Zürich. Sie ist Doktorandin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) – ETH Zürich, und ihr Dissertationsvorhaben Conflicting Identities: Politics of Representation and Counterculture in Yugoslavia during the Cold War ist Teil eines laufenden Forschungsprojektes unter der Leitung von Prof. Philip Ursprung.

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