BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

Temporalis Aeternitas: frühneuzeitliche Drucke, Zeit und Erinnerung


‘Nec sepulcra legens vereor ne perdam memoriam.’ lautet die Giovanni Benedetto Castigliones Stich Temporalis Aeternitas (1645) hinzugefügte Inschrift. Die lateinische Phrase, die vermutlich auf Veranlassung des Herausgebers, Giovanni Domenico De Rossi, auf die Platte graviert wurde, richtet sich eindeutig an den Betrachter. Das gelehrsame Zitat, das sich auf eine klassische Quelle zurückführen lässt, interagiert aktiv mit Castigliones einfallsreicher bildlicher Darstellung und lädt zu weiteren Spekulationen über die evozierten Themen ein; insbesondere hinsichtlich der Unsicherheit über die Natur der Zeit und die Beziehung des Menschen zu Zeit, Ewigkeit und Erinnerung.
Der Druck zeigt vier Männer und einen Jungen auf einem ruinenhaften Friedhof, die sich um ein Grabmal mit der Inschrift TEMPORALIS AETERNITAS 1645 versammeln. Die nächtliche Szene wird von einer feierlichen Stimmung getragen. Ikonographie und visuelle Qualitäten verleihen Temporalis Aeternitas einen Hauch des Rätselhaften. Die Vorliebe des genuesischen Künstlers für technische Virtuosität ist mit Strategien kombiniert, die den Betrachter einfangen. Die Seherfahrung des Betrachters vor dem Druck und der Versuch, die Inschrift zu entziffern, scheint die Handlungen der Protagonisten der Szene zu parallelisieren.
In Abweichung von vorangegangenen Interpretationen, die sich Fragen der Vergänglichkeit und der zerstörerischen Kraft der Zeit zugewendet haben, werde ich ausführen, dass das Kernthema dieses Werks die Erinnerung ist – verbunden mit dem Platz des Menschen im Lauf der Zeiten – hier insbesondere im Kontext der Gegenreformation in Italien. Castigliones Komposition kann überzeugend mit dem Bildungsinteresse in Verbindung gebracht werden, das von Antonio Bosios Untersuchung der frühchristlichen Katakomben Roma Sotterranea und bestimmten jesuitischen Texten ausgelöst wurde. Dieser Vortrag betrachtet Castigliones Druck und eng verbundene Werke interdisziplinär und leistet einen Beitrag zum Verständnis frühneuzeitlicher Konzepte und Erfahrungen von Zeit, wie sie in künstlerischen Artefakten reflektiert werden.


Anita V. Sganzerla

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