BILDER: ZEITZEICHEN UND ZEITPHÄNOMENE

Eine trans- und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg

12. bis 14. November 2015

Die Statua Danielis: Zeit als politische Eschatologie im Heiligen Römischen Reich


Der sächsische Hofbildhauer Giovanni Maria Nosseni schuf 1601 eine hölzerne Statue, die einen aus vier verschiedenen Metallen angefertigten Koloss darstellte. Der Kopf der Figur war mit Gold, die Brust mit Silber, der Rumpf mit Bronze und die Beine mit Eisen belegt. Ein von Nosseni verfasstes Buch erläuterte den Sinn der Statue. Sie bezog sich auf Nebukadnezars Traum in Daniel 2, 31-44. Der Traum wird von dem Propheten Daniel als Aufeinanderfolge von vier Weltreichen entsprechend Hesiods Periodisierung der Goldenen, Silbernen, Bronzenen und Eisernen Zeitalter gedeutet. Im Traum wird die Statue durch einen Stein gestürzt, der den Messias repräsentiert und das ewigwährende Reich Gottes einleitet. Seit dem Kirchenvater Hieronymus wurden die vier Weltreiche mit den Reichen der Babylonier, Perser, Griechen und Römer identifiziert und der rollende Stein wurde als Parusie Christi am Tag des Jüngsten Gerichts gedeutet. Bildliche Repräsentationen der Statua Danielis kamen in Deutschland in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts auf. Sie sind eng mit Philipp Melanchthons Publikation der Chronik des Johannes Carion verbunden. Die früheste bekannte Repräsentation der Statua Danielis ist ein Gemälde Daniel Freses in der Ratsstube des Lüneburger Rathauses. Hier befindet sich auch eine weitere Darstellung, die auf einem 1585 von Lorenz Faust in Sachsen publizierten Holzschnitt basiert. Die Statua Danielis kombiniert die Figur des Kolosses mit den Herrschern der vier Weltreiche und Darstellungen der Heilsgeschichte. Dieser Darstellungstyp speiste sich aus der Idee der Translatio Imperii, derzufolge das vierte Weltreich des Römischen Imperiums als Heiliges Römisches Reich fortbestand. Die Abfolge der Weltreiche und ihre Repräsentation als Statua Danielis waren eine wirkungsvolle Verbildlichung des politischen Zeitverständnisses, das die gegenwärtige politische Macht in die übergeordnete Institution des Heiligen Römischen Reiches und in den eschatologischen Rahmen göttlicher Vorsehung einband. Die Idee der Translatio Imperii war bis um 1800 im politischen Denken Deutschlands generell verbreitet. In meinem Beitrag möchte ich die Statua Danielis als spezifische Darstellungsform von Zeit vorstellen und dabei meine jüngsten Forschungen zur politischen Ikonographie der Frühen Neuzeit zur Diskussion stellen. Anknüpfungspunkte für einen transdisziplinären Diskurs ergeben sich zwischen Kunstgeschichte, Archäologie, Geschichte und Theologie.


Barbara Uppenkamp, Dr. phil., Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Vergleichenden Sprachwissenschaften (Indogermanistik) an der Universität Hamburg; Stipendiatin des Graduiertenkollegs ‚Politische Ikonographie’ an der Universität Hamburg; Promotion zu der Idealstadtanlage ‚Heinrichstadt’ (Wolfenbüttel) am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg; wissenschaftliche Mitarbeiterin am Weserrenaissance-Museum Schloss Brake in Lemgo; Dozentin am Department für Kunst- und Architekturgeschichte der Universität Reading (U.K.); Stipendiatin der J. Paul Getty-Stiftung Los Angeles (U.S.A.); Gastdozentin an der Leuphana Universität Lüneburg; wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg; wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Kunsthochschule der Universität Kassel; selbständige Kunsthistorikerin mit Spezialisierung in den Bereichen der Kunst- und Architekturgeschichte der Frühen Neuzeit, der religiösen und politischen Ikonographie sowie der Methodologie der Kunstwissenschaft.

Fünf wichtige Publikationen der letzten fünf Jahre
[2015] ‚Representation of History: The Four Empires and the Statua Danielis in the Castle of Güstrow’, in: B. Bøggild Johannsen und K. Ottenheym (Hrsg.): Beyond Scylla and Charybdis. European Courts and Court Residences outside Habsburg and Valois/ Bourbon Territories 1500-1700, Copenhagen: University Press of Southern Denmark/ Publications from the National Museum. Studies in Archaeology and History, S. 250-262
[2014] Das Lüneburger Rathaus. Ergebnisse der Untersuchungen 2008 bis 2011, hrsg. von Joachim Ganzert, 2 Bde., Petersberg: Imhof, Kapitel: ‚Politische Ikonographie im Rathaus zu Lüneburg’, Bd. 2, S. 247-353
[2014] ‚Rubens and Antiquarianism. New thoughts on the two versions of the Massacre of the Innocents’, zus. mit Ben van Beneden, Fragmenta, Journal of the Royal Netherlandish Institute in Rome 5 (2011) [2014] Special Issue: Art and Knowledge, hrsg. von Thijs Weststeijn, S. 139-176
[2012] ‚Forum: The Visual Turn in Early Modern German History and Historiography’, zus. mit Jeffrey Chipps Smith, Bridget Heal und Larry Silver, German History. The Journal of the German History Society 30, no. 4, Dec. 2012, S. 574-591
[2011] Palazzo Rubens. The Master as Architect, Brüssel: Mercatorfonds, 2011, zus. mit Ben van Beneden

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